Mediendesign Schwarz

Die Nacktschnecke und der kleine Wolf

Es begab sich, da trafen sich ein kleines Nacktschneckchen und ein Wolfsjunges. »Boah«, sagte das Nacktschneckchen grinsend, »Du bist aber eine große Nacktschnecke!«. Das Wolfsjunge schaute irritiert. »Boah«, sagte es. »Du bist aber ein kleiner Wolf!«.

Das Nacktschneckchen war überrascht, aber ihr gefiel die Vorstellung, und so war sie von nun an ein kleiner Wolf. Sie kroch durch die Lande, hinterließ eine Schleimspur und tat alles, was Wölfe eben so tun. Natürlich war das ein bisschen kompliziert, denn so ganz ohne Zähne ist es schwer, Wolf zu sein. Aber sie tat ihr Bestes, so zu tun als ob. Bald hatte sie mit vielen Tieren gesprochen und man gelangte zu der Überzeugung, Nacktschneckchen sind Wölfe.

Die jungen Wölfe bewunderten das arrogante Nacktschneckchen und taten alles, um so zu werden wie sie. Sie fingen an, auf dem Boden zu kriechen, Schleimspuren zu hinterlassen und schon bald verloren sie ihre Zähne. Es war ein widerlicher Anblick, und die anderen Nacktschneckchen ekelten sich vor diesen Kreaturen. Doch die jungen Wölfe waren wie verzaubert von dem selbstbewussten Auftreten des Nacktschneckchens, das sich für einen Wolf hielt.

Die großen Wölfe wunderten sich über das Verhalten ihrer Zöglinge. »Kinder eben« grinsten sie und fletschten die Zähne. So ging das eine ganze Weile, das Nacktschneckchen wurde zur Königin und Landesmutter ernannt und herrschte und genoss ihre Macht. Die anderen Nacktschneckchen bewunderten sie ebenfalls. Die jungen Wölfe huldigten ihr und verloren ihr Fell.

Eines Tages dachte das junge Nacktschneckchen: »Mensch! Alle hören auf mich, nur die großen Wölfe ignorieren mich und machen sich über mich lustig.« — Es passte ihr gar nicht, dass man ihr den ihr doch zustehenden Respekt versagte. Sie fühlte sich minderwertig und lächerlich gemacht. Sie war doch ein großer Wolf! Also ging sie zu ihren Untertanen und sprach: »Hört her! Der große böse Wolf ist ein Feigling! Er tut nur so, als sei er ein Wolf, aber in Wirklichkeit ist er die größte Schnecke auf Erden.«

Die jungen kriechenden Wölfe und die naiven Nacktschneckchen nickten eifrig. Das kann doch nicht wahr sein! Eine Lektion sollte man ihm erteilen. Sie ersonnen einen Plan, wie sie den großen bösen Wolf zur Strecke bringen können. Doch alle Versuche scheiterten. Er war immer einen Schritt klüger und schneller als die Untertanen. »Pah!«, dachte da Mutter Nacktschnecke. »Die sind alle einfach unfähig!«. Sie trat vor den großen bösen Wolf und herrschte ihn an: »Knie nieder! Zolle mir den Respekt, der mir gebührt. Du bist ein Nichts, ein Wurm! Du bist dumm und einfältig.« Der große böse Wolf musterte das Nacktschneckchen eine Weile. »Normalerweise«, sagte er, »fresse ich sowas nicht. Es verursacht mir Magenschmerzen. Aber bei Dir…«, sprachs und verschlang das überraschte Nacktschneckchen, »mache ich sehr gerne eine Ausnahme.«


kommentieren

E-Mailadresse wird nicht publiziert. HTML ist aktiv.

*

 

ausgewählte beiträge

Fünf Wochen pures Leben in Japan im Rahmen von »Hallo Japan 2009« der DJJG

Japantag Düsseldorf ’09

AnimagiC Bonn ’09

Typografie mit CSS3

Reisebericht Korsika

Bad Urach Impressionen

Studiofotografie

Alle Artikel auflisten …