Nämlich nach Utsonomiya. Schier endlos ziehen sich die Vorstädte Tokios dahin, während wir im Zug nach Utsonomiya sitzen. Zierliche Einfamilienhäuser mit schicken Gärten wechseln sich ab mit Industrievierteln und breiten Flüssen. Die Landschaft ist flach und unspektakulär, aber zweifelsohne typisch japanisch. Die verbleibende Gruppe ist klein geworden, die mit dem japanischen Professor nach Utsonomiya fährt um zu ihren Gastfamilien und Praktikumsplätzen zu gelangen. Einige sind bereits wieder abgereist, andere verbringen die nächsten Wochen in Tokio oder anderen Städten.
Ich bin gespannt auf meine Gastfamilie und ob ich die nächsten Wochen ins Internet komme. Ich bin ganz zerknirscht, dass ich es nicht mehr geschafft habe, mir in Tokio eine Telefonkarte zu besorgen um nach Hause anzurufen. Mal sehen, ob das bei der Gastfamilie möglich wird.
Vor dem Fenster ziehen Palmen vorbei, und wir haben heute wieder einen extrem schwülen Tag erwischt. Ich freue mich schon, aus dem klimatisierten Zug auszusteigen. Die Häuser hier draußen sind alle sehr flach. Mir gegenüber sitzt in dem Zug, der sich zunehmend leert, wieder einmal eine Japanerin die aussieht, als hätte man sie aus dem nächsten Hochglanzmagazin ausgeschnitten. Sie scheint den Gaijin, der ihr gegenübersitzt, gar nicht wahrzunehmen, aber natürlich ist es ganz anders.
Tag 1 bei der Gastfamilie
Es ist Sonntag vormittag. Ich habe die letzten 24h damit verbracht, mich in meine Gastfamilie einzufinden. Robert sagte, seine japanische Freundin hat gemeint, ich würde ja sowas von auf die Schnauze fliegen. Ich glaube, sie hatte recht. Meine Gastfamilie hat mich wie alle anderen auch mit dem Auto am Bahnhof in Utsonomiya abgeholt. Nach einer kurzen Rundfahrt durch die Innenstadt und vorbei an der Medienschule, in der ich nun wohl doch Praktikum machen werde.
Zu Hause angekommen, gab’s erst einmal Getränke. Nach zwei kleinen Hinweisen, die ich glatt übersehen habe und die mir erst abends auf dem Futon klar wurden, wurde ich erst einmal sehr direkt in die Dusche gejagt. Nicht, dass ich das nicht von selbst gemacht hätte, doch wurde ich so intensiv umsorgt, dass zu fragen noch keine Gelegenheit ergab. Anschließend verbrachte ich den Nachmittag mit den zwei älteren Herrschaften, deren Kinder längst aus dem Haus und im Ausland sind und die selbst viel gereist sind und schon viele Gaststudenten hatten, aber noch keine Deutschen. Es stand kommunikatives Training auf dem Programm, denn sie kann kaum Deutsch und er nur schlecht englisch und mein Japanisch ist so gut wie ihr deutsch. Allerdings ist Okasan (Mama) weitaus geschickter, mir auch ohne Sprache Dinge mitzuteilen.
Am Abend gingen wir traditionell Sushi essen und mir bot sich die Gelegenheit, sämtliche Fettnäpchen mitzunehmen, selbst die, von denen ich gar nichts gemerkt habe. Es traf sich wohl die lokale Gemeinschaft, genau habe ich es nicht verstanden. Die Männer saßen an der Theke und die Frauen am Tisch hinter uns. Einer der anderen Deutschen war auch dabei. Ich bin sicher, der größte Fehler war, nicht alles aufzuessen. Man hielt mir später vor, ich möge kein Sushi obwohl ich es anders behauptet hatte. Aber dem war nicht zu helfen, ich wollte denen nicht auf den Tisch kotzen auch wenn es noch so lecker ist. Shoganai. Außerdem hat Otosan auch nicht alles aufgegessen. Wie er mir vorher erklärte, aus gesundheitlichen Gründen. Hinterher meinte er, das Sushi in dem Laden sei nicht gut und er habe deswegen nichts gegessen. Ich denke aber, er wollte sich nur an mich anpassen weil er dachte ich mochte es nicht.
Das Haus meiner Gastfamilie
Mit solchen wilden Gedankensprüngen habe ich den Rest des Abends verbracht, hauptsächlich mit zwei Dingen: Welches englische Wort soll diese Aussprache jetzt schon wieder bedeuten? Und: Was hätte ich besser anders gemacht? Was hat er damit gemeint? Warum hat er sich so verhalten? Was kann ich tun, um besser auf die anderen einzugehen? Es ist mir sehr unangenehm, wenn ich so dermaßen umsorgt werde und von fremden Leuten Geschenke annehmen muss. Ich darf mich im Moment nicht aus meiner Gastrolle heraus bewegen, denn das führt unweigerlich zu den übelsten Missverständnissen, auch wenn ich noch so gerne meine gute Erziehung spielen lassen würde.
Die Besucher dieses Communitytreffens haben die Deutschen natürlich sehr interessiert aufgenommen. Ich wurde dazu verdonnert, das Paulaner Bier zu trinken und ein Dessert bekamen die Deutschen auch. Otosan dagegen saß so still neben mir, dass ich ständig überlegen musste, was ich jetzt wohl wieder falsch gemacht habe. Hätte ich den Kaffee kurz vorm Schlafen gehen ablehnen sollen? War das nur ein Test? Wieso hat man mir nicht gesagt, wo wir hingehen, damit ich vielleicht wenigstens ebenfalls ein kleines Dankeschön mitnehmen kann und vorbereitet bin.
Ich weiß, am besten ist es, wenn man sich nach dem eigenen Gefühl richtet. Doch genau das hat hier versagt. Mal sehen wie die nächsten Tage werden, heute wurde mir mehrmals der Busweg erklärt, den ich morgen nehmen darf. Ich glaube, bevor ich soweit bin nach Internet und Telefon auch nur zu schielen, muss ich erst einmal an den zwischenmenschlichen Bedingungen arbeiten. Da die Gasteltern größte Mühe darauf verwenden, es mir genehm zu machen und ich größte Mühe darauf verwende, es ihnen genehm zu machen, führt das zwangsläufig zu Missverständnissen.
Tag 2 bei der Gastfamilie
Wirklich, es ist ein interessantes Gefühl, wenn der geregelte eigene Tagesablauf komplett abgeschafft wird und durch einen anderen ersetzt wird. Heute am Sonntag hieß das, um 9 aufzuwachen, kalt zu duschen, opulentes Frühstück, Testbusfahrt in die Stadt mit Gastmama und Gastpapa wobei eher Gastoma und Gastopa, dort ein Mittagessen, dann Geld abheben, dann zurück, Nachmittag rumgedöst, die Hitze Hitze sein lassen, sich unterhalten, abends ne halbe Stunde raus zum Erkunden des Viertels (alleine, yay!), von einem dutzend Hunde vollbellen lassen, von der Hälfte der entgegenkommenden Leute gegrüßt, von der anderen Hälfte ignoriert, und dann opulentes Abendbrot und anschließend tiefsinnige Gespräche mit Otosan über Kunst, das Mysteriöse und Spannende an Dingen die man nicht kennt und den Fuji-san.
Weil das Wasser wohl ne Minute braucht bis es warm kommt in der Dusche und weil ich erst abends soweit war, dass ich fragen wollte, warum, fing der Tag also kalt an. Allerdings lief es heute richtig gut, wir konnten miteinander lachen und verstanden uns zunehmend besser. Ich lerne zunehmend japanische Wörter. Ich versuche auch, jetzt schon aus meiner Gastrolle auszubrechen, indem ich anbiete den Tisch abzuräumen oder Ähnliches oder es einfach tue. Ich glaube, wenn ich diesem Luxus im Hotel Mama noch länger ertragen muss, drehe ich durch. Ich bin allerdings froh, dass Gastmama mir die Wäsche gemacht hat, mal sehen ob noch alles passt hinterher…
Zuerst hatte ich belächelt, dass man mir die Busfahrt so genau erklärt hat. Als ich allerdings feststellte, dass ich die Busfahrpläne nicht lesen kann, weil ich ja nicht mehr in Tokio bin sondern in einem Dorf ähnlich Reutlingen, ist mir das Lachen vergangen. Ich komme mir jetzt endgültig wie ein Analphabet vor. Die Leute außerhalb Tokios sind ebenfalls zurückhaltender. Ich kann mir aber auch nicht verkneifen zu bemerken, dass mir heute in der Stadt alle 2 Minuten Mädchen im Seifuku (also Schuluniform) aufgefallen sind. In Tokio sah man das selten oder ich war am falschen Ort. Hier war es penetrant und gleichzeitig extrem ästhetisch. Leider war niemand da, der „Mund zu“ gerufen hat.
Ich habe den Eindruck, die Gasteltern sind ein wenig verwöhnt was Gastgeschenke angeht. Sie halten ein hohes Niveau was meine Fürsorge und das Essen angeht, und haben indirekt angedeutet, dass sie teure Gastgeschenke gewohnt sind – sofern ich das richtig interpretiere. Ich bin aber nicht bereit, da mitzumachen. Es ist ja gut, wenn sie erzählen, dass sie Christstollen, Eiswein und Frankfurter Würstchen mögen, aber zaubern kann ich auch nicht. Dabei ist das auch eine Zwickmühle, denn für das teure und gute Essen muss ich mich schon bedanken, bis ich es ihnen ausgetrieben habe, mich wie einen Fürsten zu behandeln.
Ich habe es immerhin geschafft, zu vermitteln, dass ich nicht wenig esse, weil es nicht schmeckt. Ich esse auch nicht wenig, weil ich nicht dick werden will… Außerdem hat mich Papa irgendwie in die Künstler-Schublade gesteckt und Media Art ist sein neuer Lieblingsbegriff. Kommunikativ ist es mir mehrmals passiert, dass auf direkte Fragen das Thema genauso direkt gewechselt wurde. Später kam man aber fast immer aus einer anderen Richtung drauf zurück. Stichwort Internet. Noch habe ich keins, aber ich bin zuversichtlich, denn hier schwirrt WLAN in voller Schutzmontur durch die Gegend.
Den ganzen Tag schon plagt mich das schlechte Gewissen, dass ich noch kein Telefonat absetzen konnte oder die Postkarten endlich verschicken kann. Ich hoffe ich kann beides morgen früh vor der Kunst- und Medienschule erledigen. Die Zeitverschiebung ist wirklich ein Graus.


